RENAULT KLASSIK
RENAULT
Louis Renault
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Eine neue Zeit bricht an!

Das neue Jahrzehnt beginnt mit einem äußerst freudigen Ereignis. Am 24. Januar 1920 bringt Christiane RENAULT einen gesunden Jungen zur Welt. Jean-Louis RENAULT. Der Höhepunkt im Leben von Louis RENAULT. Er hat jetzt einen Nachfolger, einen Erben! Aber die Geschichte hat Anderes im Sinn...

Der vergangene Krieg ist noch allgegenwärtig, die Folgen noch lange nicht überwunden. Louis ist bekannt für seine vorausschauende Planung, man muß auch kein Hellseher sein, um zu erahnen wie sich die wirtschaftliche Situation entwickeln wird. Für RENAULT ist zu diesem Zeitpunkt einer der wichtigsten Märkte weggebrochen, die Niederlassung in Deutschland wurde bei Kriegsanbruch annektiert. Gewinne erzielt dieser Markt keine mehr, lediglich die Werkstatt in Berlin ist einigermaßen beschäftigt. Die politische Situation in Deutschland ist brisant, die Menschen haben andere Sorgen, als sich mit dem Kauf eines Automobils zu beschäftigen. Es wird noch einige Jahre dauern, bis RENAULT in Deutschland wieder Fuß fassen wird. Umso mehr sieht sich Louis RENAULT in seinen Plänen bestätigt. Jede noch so kleine Nische wird besetzt. Und schon bei Kriegsende plant er ein neues Werk in Le Mans, längst stößt man in Billancourt an die Grenzen des Möglichen. Dieses neue Werk gleicht allerdings eher einem Erholungsheim, als einem Industriebetrieb. Betriebswohnungen, Vorschule, Poliklinik, Sportstätten: An alles wird gedacht! Doch das ist nicht die perfekte Lösung für das Problem. Schon seit Jahren liebäugelt Louis mit der vor den Werkstoren gelegenen Seine-Insel Séguin. Ursprünglich wollte er dort ebenfalls eine Erholungsstätte für seine Arbeiter errichten, doch sehr schnell schon reift der Plan, auf dieser Insel Europas größtes Automobilwerk zu errichten. Mit Beginn des neuen Jahrzehnts fängt RENAULT an, die Insel Stück für Stück käuflich zu erwerben. Er hat Großes im Sinn. Aber nicht nur eine breite Produktpalette ist für ihn wichtig, er muß sich auch zum größtmöglichen Teil von Lieferanten unabhängig machen, Vieles muß er selbst produzieren. Mehr und mehr setzt RENAULT auch bei den benötigten Teilen und Verbrauchsgütern auf die eigene Produktion. RENAULT ist das größte private Wirtschaftsunternehmen in Frankreich. Und das soll nach dem Willen des Patrons auch so bleiben. Unabhängigkeit ist das Zauberwort. Im Lauf der Zeit (und zwar sehr kurzer Zeit) wird RENAULT fast alles selbst herstellen: Zündkerzen und Ziegel, Motorenöl und Stahl, Kantinenbesteck und Gullideckel, selbst eigenen Strom wird er produzieren. Und durch den Verkauf von Abfällen steigert er ebenfalls Umsatz und Gewinn. Vor allem aber durch Recycling wird RENAULT auch zeitweise größter Wattehersteller in Frankreich!
1921 ist ein weiteres von ihm in Auftrag gegebenes Projekt fertig geworden: Seine Ingenieure präsentieren ihm einen Eisenbahntriebwagen! Nun werden bei RENAULT auch Lokomotiven hergestellt. Und 1922 vollendet er einen weiteren Plan, den er in Gedanken längst umgesetzt hat: Er wandelt das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um, den größten Teil der Aktien hält er selbst, der Rest bringt frisches Kapital. Das Unternehmen, das nun "Societé Anonyme des Usines RENAULT" (SAUR) heißt, ist einen weiteren, sehr wichtigen Schritt nach vorne gegangen. Doch auch in Zeiten großen Erfolges gab es hin und wieder kleine Nadelstiche, so auch der Blick in die Deutsche Republik. Zwar war die Zwangsverwaltung der deutschen Tochter bereits am 27. Januar 1920 aufgehoben worden, aber aufgrund der desaströsen wirtschaftlichen Lage des Landes beschloß der Aufsichtsrat am 30. September 1920 die Liquidation des Unternehmens. Die abschließende Bilanz wies einen Verlust von 118.665,49 Reichsmark aus, vom einstigen Stammkapital blieben so noch 281.334,51 RM übrig. Am 3. März 1922 findet die letzte Hauptversammlung des Unternehmens statt. Die Aktionäre entlasten Aufsichtsrat und den Liquidator. RENAULT Deutschland hört auf zu existieren!

Aber auch im eigenen Land hat Louis RENAULT mit Problemen zu kämpfen. RENAULT ist zwar Frankreichs größtes Wirtschaftsunternehmen, aber im Bereich der Automobilproduktion hat ihn sein ärgster Konkurrent Citroen überholt. Für Louis ein unhaltbarer Zustand. Außerdem ist ihm Citroen bei einem sehr prestigebringenden Projekt um eine Nasenlänge voraus: Citroen will den schwarzen Kontinent erobern. Afrika, für die Franzosen eine Herzenssache, gehört Frankreich doch zu den größten Kolonialmächten der Welt. Und ausgerechnet RENAULT ist nicht der Erste, der mit seinen Automobilen den Kontinent erobert. Doch RENAULT kennt keine Niederlagen. Wenn er schon nicht der Erste ist, dann wird er eben der Beste sein! Aber zunächst wird André Citroen die Lorbeeren ernten für die erste Sahara-Durchquerung. Am 17. Dezember starten fünf Fahrzeuge von Citroen im algerischen Touggourt, das Ziel ist das im Sudan gelegene Timbuktu. In 21 Tagen legen die Fahrzeuge von Citroen 3.500 Kilometer zurück, eine durchaus beachtliche Leistung! Aber Louis RENAULT beweist auch hier eine gebotene Vorsicht. Er wird nun nicht in aller Eile ebenfalls eine Expedition losschicken. Zuerst wird er die entsprechenden Fahrzeuge bauen, außerdem wird er dieses Projekt richtig planen und realisieren. Er gründet zusammen mit dem Luftfahrtindustriellen Gaston Gradis die "Compagnie Générale Transsaharienne" (CGT). Aber bevor RENAULT diese Pläne umsetzen kann, sorgt eine weitere Sensationsnachricht in Paris für Aufsehen. Der Eiffelturm soll angeblich verkauft werden. Citroen wird als Käufer gehandelt, aber auch Henry Ford. Die Gerüchte besagen, Henry Ford wolle nach dem Kauf des Turmes diesen nach Amerika bringen. Doch all diese Nachrichten sind frei erfunden, es geht lediglch um die Beleuchtung des Pariser Wahrzeichens. Citroen erhält den Zuschlag. Doch die immensen Kosten von 500.000 Francs sollten sich noch schmerzlich bemerkbar machen.
Am 1. Dezember 1923 ist es in Billancourt endlich soweit, der Prototyp des 10CV-Wagens, des Typ II steht vor dem Hallentor des Werkes. Und hat gegenüber dem Modell von Citroen erhebliche Vorteile zu bieten. Der Wagen von RENAULT verzichtet auf die Ketten an den beiden hinteren Achsen, wie sie die "Autochenilles" von Citroen aufweisen. Ein sehr geringer Luftdruck in den Zwillingsreifen an den beiden angetriebene Hinterachsen machen das Fahrzeug wüstentauglich, ein kräftiger Motor treibt das Auto an. Es erreicht Spitzengeschwindigkeiten von 40 bis 45 Kilometern pro Stunde und schafft Steigungen und Gefälle von bis zu 45° - notfalls auch etwas mehr! Louis RENAULT gibt den Startschuß, aber RENAULT hat noch ein weiteres As im Ärmel. Expeditionsleiter ist kein Geringerer als Jean-Baptiste Eugène Estienne (von dem wir im ersten Teil erfahren haben), ein erfahrener und dekorierter Soldat mit Wüstenerfahrung. Im Januar 1924 verlässt der Tross das winterliche Paris, Ziel ist Colomb-Béchar am Fuß des algerischen Atlasgebirges. Das Team von Citroen ist bereits dort angekommen. Estienne wird auch nicht nervös, als der Tross von Citroen bereits einen Tag früher aufbricht als sie selbst. Er ist vollkommen überzeugt von den Automobilen aus Billancourt. Die Gruppe bricht am nächsten Tag auf, und nur 24 Stunden später hat man die Gruppe von Citroen erreicht. Aber in Bourem, im heutigen Mali am Niger gelegen, trennen sich die Wege der Konkurrenten, so daß es keinen offiziellen Sieger gibt.

 

   
Jean-Baptiste Eugéne Estienne mit Afrika-Karte   Die Fahrgestelle des Sahara-Wagens



Noch im gleichen Jahr macht sich erneut eine Expedition auf den Weg, um den schwarzen Kontinent zu bereisen. Am 15. November startet die Gruppe erneut in Colomb-Béchar, und auch dieses Mal ist es ein Wettlauf gegen die Konkurrenz von Citroen. Diese Expedition startete bereits am 28. Oktober zur mittlerweile legendären Croisière Noire. Doch auch dieses Mal hat RENAULT die Nase vorn, schon nach zehn Tagen erreicht man das erste Zwischenziel am Niger, Citroen braucht dafür ganze 23 Tage. Bei dem Team von RENAULT ist dieses Mal ein Armeekapitän, ein gewisser Delingette, mit dabei. Auch seine Frau und ein Mechaniker begleiten den Offizier. Dieser verfolgt ein ganz anderes Ziel als Estienne, er will Afrika von Nord nach Süd durchqueren. In den 1920er-Jahren ist Afrika aber noch keineswegs vollständig erforscht, es gibt noch sehr viele weiße Flecken auf der afrikanischen Karte. Ein äußerst waghalsiges Unternehmen, Louis RENAULT ist skeptisch. Er stellt das Fahrzeug und den Treibstoff. Die übrigen Kosten gehen zu Lasten der todesmutigen Abenteurer. Eine Nord-Süd-Durchquerung, noch dazu alleine, ist in diesen Tagen ein Himmelfahrtskommando. Estienne versucht die Drei zu überzeugen, doch besser an der Mission Gradis-Franchet, die Cotonou in Benin am Atlantik zum Ziel hat, teilzunehmen, jedoch ohne Erfolg. In Gao am Niger trennen sich die Delingettes und begeben sich auf ihre gefährliche Reise. Delingette schafft das Unmögliche: Am 4. Juli 1925 erreichen die Drei Abenteurer Kapstadt, die Teilmannschaft von Citroen kommt erst einen guten Monat später an!

 

   
Autos zum Leben: Sogar in der Wüste!   Unaufhaltsam bahnen sie sich ihren Weg, die RENAULT Fahrzeuge im Dschungel!




Aber Louis RENAULT konzentriert sich nicht nur auf den Préstigegewinn der Wüste, auch andere Projekte müssen umgesetzt werden. Es ist nun auch endlich an der Zeit, ein Markensymbol zu finden, das auf Jahrzehnte hinaus Bestand haben soll, der Wiedererkennungswert der Automobilmarke durch ein beständiges Firmenlogo ist nicht zu unterschätzen! Die goldenen Zwanziger sind auch die große Zeit der Kunst, Paris ist die Welthauptstadt der modernen Kunst, die französische Metropole zieht die Künstler an wie das Licht die Motten, ihr Refugium ist Montmartre. Schon zu Anfang des Jahrhunderts begründen Künstler wie Cezanne und Picasso den Kubismus, ebenfalls eine ganz neue Art der Malerei und diese Kunstrichtung findet gefallen bei der Pariser Haute Volée. Auch Louis RENAULT lässt sich inspirieren, 1925 kommt zum ersten Mal eine Raute als Markensignet zum Einsatz. Bisher zierten runde Firmenlogos mit Querlamellen die Front der Fahrzeuge, sie dienten mitunter als Blende für die Hupen. Nun wird also aus dem Kreis ein Diamant, ein auf dem Kopf stehendes Paralellogramm. Und dieser Rhombus ist bis heute das Erkennungszeichen von RENAULT.

 

       

Das Markenzeichen ab 1925

  Der Rhombus, der Mode der Zeit folgend   1959 erfährt die Raute eine gründliche Überarbeitung, bleibt aber im Prinzip gleich. Erst 1972 wird es eine grundlegende Neuerung geben.

 

1925 sind auch die Arbeiten am Eiffelturm weitgehend abgeschlossen, am 4. Juli schaut ganz Paris zum Wahrzeichen der Hauptstadt. Seit Monaten haben Zirkusakrobaten Kilometerweise elektrische Leitungen verlegt, Glühlampen wurden installiert, sogar ein eigenes Umspannwerk wurde errichtet. Um 22 Uhr ist es dann soweit: Zuerst funkeln unzählige Sterne, die sich zu einem Kometen formieren, dann leuchten an jeder der vier Seiten die Doppelwinkel, das Firmenzeichen von Citroen. Und dann leuchten von oben nach unten die Buchstaben: C-I-T-R-O-E-N! Wahrhaft eine technische Meisterleistung, noch in 40 Kilometern Entfernung kann man das Spektakel beobachten. Aber zu welchem Nutzen? Viele haben Louis RENAULT Zögerlichkeit, sogar Angst vorgeworfen, warum prangen jetzt nicht die Buchstaben seines Namens am Turm? Louis RENAULT hat Zeit seines Lebens den Nutzen seiner Projekte zum Wohle seines Automobilwerkes im Auge gehabt. Sein Engagement in der Wüste zum Beispiel. Oder die Teilnahme an Autorennen. Aber so viel Geld einfach nur für eine Leuchtreklame? Das kommt für RENAULT nicht in Frage, die Relation von Kosten und Nutzen stimmen einfach nicht.


 

Den Privatmann Louis RENAULT gibt es praktisch nicht. Er ist fast rund um die Uhr für sein Unternehmen da. Darunter leidet natürlich sein Privatleben. In dieser Zeit lernt Christiane RENAULT den Schriftsteller Pierre Drieu la Rochelle kennen, einen Freund unter anderem von Louis Aragon und Antoine de Saint-Exupéry. Es kommt zu einer Affäre mit dem mittlerweile geschiedenen Autoren. Letzten Endes war Christiane RENAULT aber nur eine Affäre des "Dandys".
Die beiden Eheleute haben sich auseinander gelebt, eine Scheidung indes kommt nicht in Frage. Louis ist unermüdlich bei seinem Lebenswerk,1926 nimmt ein 40CV am Langstreckenrennen auf der Rennstrecke in Linas-Monthléry teil. Und stellt einen neuen Rekord auf. In 24 Stunden spult das Auto eine Distanz von 4.167,78 Kilometern ab, das ist eine Sensation. "le Fiagaro" titelt darauf hin: "24 Stunden schneller als ein Flugzeug"!
Louis RENAULT ist bekannt für seinen Weitblick, für sein Gespür und seinen Instinkt. Schon seit einiger Zeit ist ihm bewußt, daß sich die wirtschaftliche Lage andern wird, ändern muß! Der Aufschwung nach dem großen Krieg, das mondäne Leben der "goldenen Zwanziger", all das wird mit Krediten teuer erkauft. Louis beobachtet und analysiert den Markt genau, schon 1925 gewinnt ein 6CV-Modell eine Wettfahrt des finnischen Automobilclubs, allerdings geht es nicht darum, wer am schnellsten fährt, sondern wer am meisten spart! Und der Wagen von RENAULT verbraucht gerade einmal 3,619 Liter auf Hundert Kilometern. Jahrzehnte bevor das "Drei-Liter-Auto" wieder in's Rampenlicht rückt. Bei RENAULT laufen ab 1927 die Planungen zum Bau des neuen Werkes auf der Ile Séguin, die wie ein Schiff inmittend er Seine liegt. 1928 reist Louis erneut in die USA, um Henry Ford und seinem Werk einen erneuten Besuch abzustatten. Vor allem die Fließbandfertigung interessieren den Unternehmer RENAULT. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich gibt RENAULT den Startschuß. Seit zwei Jahren schon ließ er das Niveau der Insel anheben. Bei Hochwasser wurde das Eiland regelmäßig überflutet, durch das aufschütten mit 600.000m³ Erde wurde das Niveau um 6 Meter erhöht. Nun kann der eigentliche Bau beginnen. Am Ende wird das Werk Europas größtes Automobilwerk sein, RENAULT eines der größten Wirtschaftsunternehmen des Kontinents. Und das neue Werk soll genau zur richtigen Zeit fertig gestellt werden...

Das Ende der "goldenen Zwanziger" ist schon längst besiegelt. Das schöne Leben dieser Zeit ist nicht mehr als ein schöner Schein. Seit geraumer Zeit übertrifft das Angebot von Konsumgütern und Agrarprodukten die Nachfrage. Fehlender Absatz zwingt Unternehmen dazu, Leute zu entlassen, viele machen in dieser Zeit Bankrott und gehen in Konkurs. Die Bombe platzt am 24. Oktober 1929, dem schwarzen Donnerstag. 16 Millionen Aktien werden an der Börse verkauft, der US-amerikanische Aktienmarkt bricht zusammen. Zwar geht der 25. Oktober als "schwarzer Freitag" in die Geschichte ein, den stärksten Kursverfall jedoch verzeichnete der New Yorker Dow-Jones-Index am 24.10. mit 12,8%! Wie ein Flächenbrand breitet sich die Krise über den Globus aus. Auch RENAULT muß sich auf stürmische Zeiten einstellen. Doch die weise Voraussicht des Patrons wird sich auszahlen. Gerade rechtzeitig wird das Werk auf der Insel fertig, am 28. November 1929 wird das Werk eröffnet. Das Herzstück ist wieder einmal eine rekordverdächtige Sensation: Das Fließband der Anlage ist mit seinen 1.500 Metern das längste Fließband der Welt außerhalb der USA! Diese Technik ist bei RENAULT nicht neu, bereits seit Ende 1919 produziert man in Billancourt am Band, das erste Modell war der 10CV Typ GS. Aber diese Dimensionen sind in der Tat etwas Neues. Viele Zeitgenossen, nicht nur in Frankreich, bewundern den unternehmerischen Mut des Industriellen. Mutig ist es, ein solches Werk zu errichten, haftet Louis RENAULT doch mit seinem Privatvermögen. Aber er wird am Ende Recht behalten. Zwar gibt es auch bei den RENAULT Werken Entlassungen infolge der Krise, doch eher moderat. Eine ausgewogene Modellpalette, eine gesunde Kapitaldecke und den "richtigen Riecher" lassen RENAULT letzten Endes gestärkt aus der Krise heraus kommen.

 

 

   
Bei seiner Inbetriebnahme 1929 ist das Werk auf der Insel Séguin das größte Automobilwerk Europas...   ...bis 1992, in diesem Jahr begann der Abbruch des Werkes, die Insel wurde rekultiviert.



Schon 1927 nimmt sich RENAULT eines anderen, sehr wichtigen Projektes an. RENAULT muß und will den so wichtigen deutschen Markt zurück erobern. Zwar steht Deutschland im europäischen Vergleich mit seinem Kraftfahrzeugbestand an vorletzter Stelle, auf 171 Einwohner kommen statistisch gesehen: Ein Kraftfahrzeug! Dennoch, Louis RENAULT weiß, jede Krise hat auch einmal ihr Ende, RENAULT weiß, wie wichtig der deutsche Markt  ist. Am 23. November 1927 wird die "Deutsche RENAULT Automobil-Gesellschaft mbH" gegründet, die Gesellschafter Jean Pingault , ein Ingenieur aus Billancourt, und der Frankfurter Kaufmann Hermann Lehmann treten ihr Amt an. Im Februar 1928 wird die "Deutsche RENAULT Automobil-Gesellschaft mbH" mit Sitz in der Weissmüllerstraße 20-26 in Frankfurt am Main unter der Nummer HRB4344 ins Handelsregister eingetragen. Und Louis RENAULT hat wieder einmal den richtigen Riecher. 1928 wächst der Kraftfahrzeugbestand in Deutschland um sagenhafte 31 Prozent!

 

Die 1930er-Jahre beginnen mit düsteren Aussichten, die Finanzkrise weitet sich aus. Zwar reagiert Frankreich darauf mit einer moderaten Abwertung der Währung und erhebt Schutz- und Einfuhrzölle. Doch ein Allheilmittel ist das nicht. Auch RENAULT reagiert nicht hektisch und unüberlegt, in Billancourt verzichtet man darauf, nun nur noch kleine Modelle anzubieten. Im Gegenteil! Nur der KZ4 mit 10CV soll um die Käufer der Mittelschicht buhlen. Mit Monastella, Monasix, Vivastella und Vivasix hat man gleich vier Sechszylinder-Modelle im Programm. Und sogar zwei Achtzylinder stehen für die Käufer bereit. Die Modelle Nervastella und der sagenhafte Reinastella. Aber Louis muß trotzdem schweren Herzens reagieren. Die Löhne werden etwas gesenkt und auch Arbeiter werden entlassen. Damit aber sichert Louis RENAULT den größten Teil der Arbeitsplätze. Und mit Inbetriebnahme des Montagewerkes auf der 70.000m² großen Insel Séguin, mit ihrem Herzstück "la chaine", dem 1,5 Kilometer langen Fließband, konnte RENAULT effektiver produzieren und wichtige Einsparungen erzielen. Das erlaubt sogar die Herabsetzung der Preise für die Automobile. Damit ist RENAULT gut gerüstet für die Krise, manch anderes Unternehmen wird diese Zeit nicht überstehen!
Ein weiterer Vorteil für RENAULT ist die ständige Verbesserung der bestehenden Technik. So wird zum Beispiel auch der Vorderradantrieb in Billancourt erfunden, von dem jungen und talentierten Techniker André Lefebvre. Allerdings irrt hier Louis RENAULT. Er räumt dieser Technik keine großen Erfolgschancen ein. Und verliert den jungen Mann an seinen größten Konkurrenten: Citroen! Doch so schmerzlich das auch ist, es bedeutet nicht das Ende der Welt. RENAULT geht gestärkt aus der Krise hervor, schon 1932 zieht der Verkauf von Automobilen wieder deutlich an. Louis RENAULT ist allerdings nicht nur Automobilproduzent, auch wenn das nach wie vor das Kerngeschäft von RENAULT ist. Louis ist auch nach wie vor sehr engagiert in der Luftfahrt, seit geraumer Zeit sitzt er im Aufsichtsrat der beiden größten französischen Luftfahrtunternehmen, der Air Union und der Air Orient. Und ist ein großer Befürworter der Fusion der beiden Gesellschaften. Aber er will noch einen Schritt weiter, auch kleinere Unternehmen sollen in der neuen Gesellschaft aufgehen. Bedingt durch die Weltwirtschaftskrise stehen einige kleinere Betriebe vor dem Aus. So finden auch die SGTA (hervorgegangen aus der Firma Lignes-Farman) und CIDNA Aufnahme in der nun neu gegründeten "Société Centrale pour l'Exploitation de Lignes Aériennes", kurz SCELA. Doch nur kurze Zeit später muß die neue Gesellschaft nachbessern. Im August 1933 übernimmt die SCELA die bankrotte "Aéropostale" und benennt sich um in "Air France"! Maßgeblich daran beteiligt: Louis RENAULT! Aber auch sein eigenes Unternehmen widmet sich dem Thema Luftfahrt. Auf Drängen des Industrieministers Cot übernimmt RENAULT den angeschlagenen Flugzeugbauer Caudron. Am 01. Juli 1933 ist Caudron Teil des RENAULT Konzerns und hört nun auf den Namen "Societé Anonyme des Avions Caudron"!
 

All das hätte Louis RENAULT niemals erreichen können, wäre er nicht schon von Jugend an mit bestimmten Tugenden gesegnet. Er ist ein disziplinierter Mensch, ein Willensmensch. Hart gegen sich selbst, aber auch gegen Andere. Louis RENAULT war nie ein Ausbeuter oder Tyrann, aber er regiert sein Reich mit fester Hand. Eine der zahlreichen Anekdoten aus dem Leben des Louis RENAULT erzählen von folgendem Vorfall:
Louis RENAULT hat es sich zur Angewohnheit gemacht, des Nachts Rundgänge durch sein Werk zu unternehmen. Bei einem dieser Rundgänge entdeckt er einen Arbeiter, der während seiner Nachtschicht eingeschlafen ist. Louis RENAULT stellt den Mann natürlich zur Rede, doch dieser erkennt, schlaftrunken wie er ist, seinen Chef nicht, und antwortet ihm: Was willst Du denn? Ich sitze hier meine Zeit ab"! Tags darauf fordert RENAULT eine zehnprozentige Lohnkürzung für die ganze Halle. Die Reaktion ist typisch für RENAULT, Schlampereien oder Unzulänglichkeiten duldet er nicht. Er ist aber auch unermüdlich nur für sein Unternehmen da, er gönnt sich kaum eine Ruhepause. Zu Beginn der 1930er-Jahre wird er von einem Journalisten gefragt, warum er denn keinen Urlaub mache. Louis RENAULT antwortet: "Was wolllen Sie? Ich kann doch die nicht alleine hier lassen, die mit mir arbeiten!"


Das Jahr 1934 ist insgesamt ein weniger erfreuliches Jahr für RENAULT. Zwar ist die Krise überstanden, aber trotz aller Maßnahmen wurde auch Frankreich von der Krise nicht verschont. Sozialisten und Kommunisten rufen immer lauter nach sozialer Absicherung, nach geregelten Arbeitszeiten und Tarifverträgen. Das Sozialsystem im Frankreich dieser Tage hinkt gewaltig im europäischen Vergleich hinterher. RENAULT ist eine Wirtschaftsmacht, Symbol für die Reichen des Landes, steht als Vertreter der verhassten "oberen Zehntausend". Louis RENAULT ist auch als Privatmann vermögend, er macht auch keinen Hehl daraus. Warum sollte er auch? Er besitzt mehrere Häuser und Wohnungen in ganz Frankreich, einen sehr exklusiven Landsitz in Herqueville, ein Hotel in bester Pariser Lage, sogar eine mittelalterliche Burg zählt zu seinem Privatbesitz. Aber er hat dafür auch genug geopfert! Er, dessen Traum es schon immer war, irgendwo auf dem Land zu wohnen und Apparate zu konstruieren, Maschinen zu erfinden, hat sich aufgeopfert für sein Werk. Und somit auch für all die Arbeiter, denen er Lohn und Brot gibt. Seine Ehe besteht de facto nur noch auf dem Papier. Am 12. Februar 1934 ruft die Gewerkschaft CGT zum Generalstreik. Und RENAULT ist besonders hart betroffen. Doch sein ärgster Konkurrent Citroen wird diesen Streik nicht überstehen. André Citroen ist ohne Zweifel ein begnadeter Techniker, mit innovativen und revolutionären Ideen. Aber der Geschäftssinn eines Louis RENAULT fehlt ihm. Aus dem Engagement in der Wüste konnte er kaum Kapital schlagen, ohne Zweifel haben die Expeditionen von Citroen der Wissenschaft unschätzbare Dienste erwiesen. Aber mit der Ehre kann man keine Arbeiter bezahlen. Seit Jahren schon wird der Eiffelturm mit dem Namen des Unternehmers beleuchtet, er bereitet ein neues Modell vor, den späteren "Traction Avant" (auf Deutsch: Vorderer Antrieb) nach den Plänen des jungen Lefebvre. Eine sehr kostspielige Entwicklungsarbeit. Und Citroen gibt den zum Teil horrenden Lohnforderungen der Streikenden zu schnell nach. All das führt in der Folge zur Zahlungsunfähigkeit des Betriebes. Der Industrieminister möchte, daß RENAULT seinen maroden Konkurrenten übernimmt, aber dieser lehnt ab. Soll sich der Hauptgläubiger von Citroen, der Reifenhersteller Michelin, mit dem Problem befassen. So kommt es auch zur Übernahme von Citroen durch Michelin. Die Folge: RENAULT weigert sich, weiterhin die Reifen bei Michelin zu kaufen!
RENAULT ist Realist, genauso sachlich und nüchtern kommt auch seine Reklame und Werbung daher. Auf das Wesentliche beschränkt, trotzdem aber nicht langweilig oder farblos. Er setzt auch auf Momentaufnahmen, Bilder aus seinen Werkhallen. 1934 beginnt ein junger Mann bei RENAULT, der eigens zu diesem Zweck eingestellt wurde, und der es einmal zu großer Berühmtheit bringen sollte: Robert Doisneau!

1935 ist Louis RENAULT Hauptaktionär der Air Bleu, dem ersten Inlands-Luftpostnetz Frankreichs. Die Modellpalette ist ausgewogen und auf dem modernsten Stand, alle anderen Sparten steigern Umsatz und Gewinn, die Krise ist nun endgültig überwunden. Aber da machen schon neue Hiobsbotschaften die Runde. In Paris macht ein Gerücht die Runde, das auch Louis RENAULT nachdenklich stimmt. Es heißt, der ein Jahr jüngere André Citroen sei an Krebs erkrankt. Und dieses Gerücht stellt sich als wahr heraus. Eine Heilungschance gibt es nicht. Am 3. Juli 1935 stirbt André Citroen an den Folgen der heimtückischen Krankheit. Dieses Ereignis dürfte sehr wahrscheinlich auch Louis RENAULT nachdenklich gestimmt haben. Immer noch hat er keinen wirklichen Stellvertreter, keinen legitimen Erben. Sein Sohn Jean-Louis ist mit seinen 15 Jahren noch zu jung. Louis braucht eine Übergangslösung, einen Nachfolger bis sein Sohn selbst einsteigen kann. Diese Lösung findet er in Francois Lehideux. Der 31-jährige Student der Politologie ist auch kein Fremder, er ist der Ehemann seiner Nichte Francoise, einer Tochter seines verstorbenen Bruders Fernand.
Im gleichen Jahr beginnt ein junger Mann bei RENAULT, der die Marke zu einem erheblichen Teil mitgestalten sollte: Fernand Picard. Picard arbeitete zuletzt bei Delage, dort lernte er Jean-Auguste Riolfo kennen, der seit geraumer Zeit Leiter des Versuchs bei RENAULT ist. Nachdem Delage von Delahaye übernommen wurde, wechselte Picard zu Citroen. Allerdings nur für wenige Tage, bevor er auf den Hinweis seines Freundes Riolfo bei RENAULT vorstellig wurde. Picard wird während des Krieges maßgeblich am künftigen 4CV mitwirken und so revolutionäre Modelle wie Dauphine und R4 auf die Straßen der Welt bringen. Aber darüber werden wir im nächsten Teil berichten...



1936 wird sich für Louis RENAULT zu einem schicksalhaften Jahr entwickeln, doch davon ahnt der Patron nichts. Bevor wir nun zu den Schilderungen der folgenden Jahre kommen, müssen wir uns ein Bild von der politischen Lage in Europa machen. Die wirtschaftliche Lage in Frankreich, auch die politische Stimmung, ist alles andere als gut. Von Revolution ist die Rede! Ganz anders die Lage in Deutschland. Die "Weimarer Republik" war offensichtlich nicht überlebensfähig, nicht im Stande, die sozialen und politischen Probleme zu lösen. Das Volk litt Not und Hunger. Es geht seit der Kanzlerschaft von Adolf Hitler stetig bergauf im Deutschen Reich, die Menschen haben wieder Arbeit, können sich was leisten. Nachdem der Versailler Vertrag abgelaufen war, hat sich das Saarland, bislang unter französischer Verwaltung stehend, in einem Volksentscheid mit überwältigender Mehrheit für einen Anschluß an Deutschland ausgesprochen. Ein legaler und mit dem Versailler Vertrag konformer Vorgang, der auch völkerrechtlich nicht zu beanstanden ist. Frankreich hingegen erneuert 1935 ein Bündnis mit Russland, das 1932 ausgelaufen war. Das wiederrum verstösst gegen den Vertrag von Locarno, was den Missmut der Engländer erregt. In London ist man über dieses Vorgehen "not amused"! Und daß Deutschland nun nach dem entmilitarisierten Rheinland greift, scheint vielen Zeitgenossen verständlich. Kein Land will schutzlos Angriffen von außen ausgeliefert sein. Schon 1921 und 1923 marschierten französische und belgische Truppen durch das Rheinland, bis nach Frankfurt am Main. Nur weil Deutschland mit einer geringen Verzögerung seinen Reparationsleistungen nachkam. Was sich allerdings wirklich in den Köpfen der größenwahnsinnigen Machthaber in Berlin abspielte, das ahnte zu dieser Zeit noch niemand...
 

 

Schwarze Wolken ziehen auf...

Louis RENAULT reist Anfang 1936 zur Automobilausstellung nach Berlin. Und diese Reise wird ihm viele neue Ideen und Pläne bescheren. Louis RENAULT ist in diesen Tagen auch Gast in der Berliner Staatskanzlei, er bekommt eine Audienz bei Reichskanzler Adolf Hitler. Was in den nahezu zwei Stunden besprochen wurde, wir wissen es heute nicht. Aber sicher ist, daß Louis RENAULT Pläne des sogenannten "Kraft-durch-Freude"-Wagens, den die Nationalsozialisten planen, zu Gesicht bekommt. Louis ist begeistert, er kann auch nicht im Geringsten ahnen, daß dieser KDF-Wagen in das perverse Spiel der Braunhemden gehört, Opium für's Volk. Er ist begeistert von dem Prinzip des "Käfers" (wie ihn ein Journalist der "New-York-Times" Jahre später nennt), wenn dieser auch mehr Fehler hat, als ein Hund Flöhe (auch ein Zitat des o.g. Journalisten). Aber Louis wird das Prinzip, das an sich genial ist, verbessern und optimieren. Doch auch hier wollen wir nicht vorgreifen. Zunächst entdeckt Louis RENAULT während der Ausstellung ein anderes richtungsweisendes Automobil: Den neuen Opel Kadett. Wie schon das Modell Olympia ein Jahr vorher, verfügt der Kadett über eine selbsttragende Karosserie, ein Prinzip das schnellere und effektivere Arbeiten in der Produktion erlaubt. Diese Karosserie "aus einem Guß" erlaubt die schnelle Montage von vorgefertigten Achsen und Aggregaten, außerdem bringt es eine deutliche Gewichtseinsparung. Kaum zurück in Billancourt gibt RENAULT den Startschuß für die Entwicklung eines ähnlichen Wagens: Des Juvaquatre, der auch äußerlich dem Kadett ähneln wird.
Wenige Wochen nach der Automobilausstellung finden in Frankreich Parlamentswahlen statt. Das Bündnis aus Sozialisten, Kommunisten und der Radikalen Partei gewinnt diese Wahlen mit überragender Mehrheit, dieses Bündnis der "kleinen Bourgeoisie" hat das Ziel den aufkeimenden Faschismus einzudämmen. Und um endlich soziale Verbesserungen durchzusetzen. In den Reihen der arbeitenden Klasse macht sich ein neues Selbstbewußtsein breit, eine Aufbruchstimmung erfasst die Arbeiter in Frankreich. Doch zunächst noch herrscht Ruhe, aber als einige Arbeiter entlassen werden, weil sie an den Feierlichkeiten zum 1. Mai teilnehmen, rüsten die Gewerkschaften auf, treiben die Arbeiter in den Streik. Sie fordern die Fünftagewoche, 40 Stunden maximale Arbeitszeit pro Woche, bezahlten Urlaub, einheitliche Tarif- und Arbeitsverträge. Daß die Streiktage bezahlt werden, das erachten die Streikenden als selbstverständlich. In ganz Frankreich treten die Arbeiter in den Streik, bei RENAULT sind es alleine 35.000, die die Arbeit niederlegen. Der Poet Jaques Prévert besingt Revolution und Brüderlichkeit, während die Arbeiter Picknicks auf den Betriebsgeländen veranstalten. Kommunistische Gewerkschafter tragen Puppen durch die Straßen, die am Galgen baumeln. Sie sind Symbol für die verhassten Bosse. Und der Streik bei RENAULT wirkt als Beschleuniger eines Flächenbrandes, der sich über ganz Frankreich ausweitet. Und die Arbeitgeber sind machtlos, müssen sich dem Druck beugen. Längst haben die Arbeiter die Sympathien der Beamten und Intellektuellen des Landes. Die Menschen bestreiken nicht nur Industrieanlagen, auch Restaurants, Kinos, Kaufhäuser, einfach alles wird bestreikt. Und viele kleine Händler geben den Streikenden Rabatte, beziehen unverhohlen Stellung. Die Bourgeoisie schreit auf, "das ist die Revolution"! Und das hätte sie durchaus sein können. Doch der Arbeiterklasse fehlt der kluge Kopf, die Leit- und Integrationsfigur. So können die Gewerkschaften zwar ihre Forderungen durchsetzen, aber dann endet auch der Spuk.
Das Leben in Billancourt beginnt sich wieder zu normalisieren, es geht weiter aufwärts, Umsatz und Gewinn entwickeln sich wie erwartet gut. Das Typenprogramm ist ausgewogen, RENAULT fertigt die kleinen Wagen für die breite Masse, aber auch die großen Limousinen für die Reichen und Schönen. Auch Staatspräsident Lebrun und der Elysée-Palast fahren Automobile von RENAULT. Lediglich der Gatte seiner Nichte, Francois Lehideux, bereitet dem Patron Ärger, immer öfter stellt sich der forsche Mann gegen Louis, der ihn zum zweiten Mann bei RENAULT machte. Über kurz oder lang wird sich Louis von dem Querkopf wieder trennen müssen, dessen ist sich Louis sicher.

Obwohl der Blick nach Deutschland Sorgen bereiten müßte, Louis glaubt nicht an einen neuen Krieg. Irgendwann werden die Ansprüche Hitlers ja befriedigt sein. Und Frankreich und England werden den Diktator schon im Zaum halten. Nach dem Rheinland hat Hitler auch nach dem Sudetenland gegriffen, hat Österreich "heim in's Reich geholt". Und die Alliierten lassen ihn gewähren. Zumal der Tyrann während der Münchner Konferenz 1938 beteuert, es werde zu keinem Krieg kommen. Und daran glaubt Louis RENAULT, er widmet sich ganz und gar seinem Unternehmen. Im Februar 1939 reist er erneut nach Berlin, am 15. Februar öffnet die Automobilausstellung ihre Pforten im Schatten des Funkturms. Der französische Botschafter in Berlin, Robert Coulondre, gibt zu diesem Anlass einen Empfang zu Ehren der französischen Automobilindustrie, deren Sprecher der 62-jährige Louis RENAULT ist. Auch Adolf Hitler, bekennender Autonarr, auch wenn er nie einen Führerschein besass, besucht die Messe und ihre Aussteller. So besucht das Staatsoberhaupt, umringt von Getreuen und Journalisten, auch den Stand von RENAULT. Nach einem mehrminütigen Gespräch geben sich die beiden Männer die Hand. Tags darauf erscheint dieses Bild in der deutschen Presse mit dem Titel: "Die Technik bringt Menschen zusammen, die durch die Politik getrennt sind"! Dieser Moment wird einmal eine besondere Rolle spielen...
 

1939 beginnt vielversprechend in Billancourt, kaum ist der Automobilsalon zu Ende gegangen werden neue Modelle bei RENAULT vorgestellt, vor allem der völlig neuartige und hochmoderne Juvaquatre trägt große Hoffnungen in sich. Allerdings ist der Konkurrent Peugeot schon einen Schritt weiter. Den neuen 202 gibt es auch als viertürige Limousine, die vergleichbare Version des Juvaquatre wird noch etwas auf sich warten lassen. Dennoch, letzten Endes wird der Juvaquatre das erfolgreichere Modell sein.
Immer noch ist Louis RENAULT fest davon überzeugt, daß es zu keinem neuen Krieg kommen wird, sein Vertreter Lehideux ist anderer Auffassung. Doch Louis RENAULT sieht keinen Grund, die Produktion von Rüstungsgütern zu forcieren oder aufzunehmen. Auch hier aber erliegt RENAULT einem Irrtum, er irrte sich bislang nur höchstselten, aber in diesem Fall wird er vom Kriegsausbruch kalt erwischt. Dennoch mahnt er im engsten Kreis, nicht in Panik zu verfallen, welches Ausmaß der Krieg letzten Endes nehmen wird, das kann noch niemand erahnen. Lehideux kritisiert den Patron nun öffentlich, wirft ihm vor, nur an der Produktion ziviler Kraftfahrzeuge interessiert zu sein. Es kommt nun endgültig zum Bruch zwischen den Beiden.

 

 

 

Der Anfang vom Ende...

Im Mai 1940 beginnt die deutsche Wehrmacht mit dem "Fall Rot", der Frankreichfeldzug beginnt! Hätte man doch nur Hitlers Machwerk "mein Kampf" genauer gelesen, schon in den Zwanziger Jahren propagierte Hitler ganz offen, die Gewinnung von Lebensraum im Osten sei nur möglich, wenn man Frankreich niederringen würde. Bereits am 3. September 1939 erklärten Frankreich und das Empire dem deutschen Reich den Krieg, eine Reaktion auf den Überfall der Wehrmacht auf Polen. Allerdings war dies nur ein diplomatischer Schachzug, politische Notwendigkeit. Zu Kampfhandlungen kam es nicht. Zwar rückten französische EInheiten während der "Saar-Offensive" bis zur Maginot-Linie vor, aber dabei beließ man es. Pläne der Royal Air Force (RAF) zur Bombardierung Deutschlands wurden von der französischen Militärführung untersagt. Aus Angst vor Gegenangriffen. So blieb es bis zum Mai 1940 bei diesem "Sitzkrieg". Bei RENAULT hat sich auch Einiges getan in dieser Zeit, die Regierung hat Louis RENAULT einen Verwalter vor die Nase gesetzt, RENAULT weigert sich zwar nicht für das Militär zu produzieren, aber er will auch an seinen Projekten festhalten und einen Teil der normalen Produktion weiter laufen lassen. Er will nicht den gleichen Fehler machen wie im großen Krieg. Nach dem Krieg kam er erst wieder spät an den Start, Citroen war schneller und hat ihn somit überholt. Das darf und soll nicht wieder passieren. Aber RENAULT ist kein Mensch, der sich etwas vorschreiben lässt, RENAULT wird für Frankreich unbequem. Die Regierung schickt ihn daher außer Landes, in die USA soll er reisen und für Frankreich wichtige Rohstoffe organisieren. Ein fadenscheiniger Vorwand, Frankreich hat seine Diplomaten für solche Missionen. Im Juni 1940 besteigen Louis RENAULT und seine Familie das Flugzeug in Richtung Amerika. Doch schon am 3. Juli werden sie wieder in Frankreich sein. Und finden eine völlig veränderte Situation vor. Sie können nicht nach Paris reisen, denn West- und Nordfrankreich sind mittlerweile in den Händen der Wehrmacht. In einem Blitzkrieg haben die Deutschen Frankreich erobert, nur der Süden des Landes ist unbesetzt. Die Regierung ist nach Vichy ausgewichen, Frankreichs Herz, die Hauptstadt, ist komplett in deutscher Hand. Und auch sein Werk wurde von den Nazis okkupiert. Als RENAULT am 22. Juli endlich wieder in Billancourt eintrifft, ist die Lage eine völlig andere. Der Regierungsbeauftragte ist weg, nun sitzen neue Herren in der Chefetage bei RENAULT. Es sind Mitarbeiter von Daimler-Benz, die als Wehrmachtsbeauftragte über das riesige Imperium wachen sollen. Wilhelm Fürst von Urach und Carl Schippert werden zwar den eigentlichen Firmenchef walten lassen, allerdings unter strenger Kontrolle. Der Auftrag ist eindeutig: Es wird ausschließlich für die Wehrmacht produziert, LKW und Nutzfahrzeuge, es sollen Fahrzeuge und Panzer repariert und gewartet werden. Das schmeckt dem "Grande Patron" natürlich überhaupt nicht, er war nie Befehlsempfänger, für ihn eine ganz neue Situation. Und er will auch unter keinen Umständen dem Feind dienen. Er erfüllt die Vorgaben der Besatzer nur zögerlich, doch das soll Konsequenzen haben. Am Vormittag des 22. Oktober 1940 wird Louis RENAULT verhaftet und in das Hauptquartier der Deutschen nach Paris gebracht. Der Vorwurf: Er habe in seinem Unternehmen Gold und Waffen versteckt. Wie das Gespräch mit den neuen Machthabern verlief, das ist heute nicht mehr bekannt. Aber man kann es sich lebhaft vorstellen, die Methoden der Nazis sind bekannt. Natürlich ist der Vorwurf nur ein Vorwand, vielmehr dürfte man RENAULT unter Druck gesetzt haben, damit er nun die Vorgaben erfüllt. Was bleibt ihm auch anderes übrig? sogar die eigene Regierung in Vichy, unter Führung des Kriegsveteranen Marschall Pétain, arbeitet mit den Deutschen zusammen. Was also soll er tun? Kontakt zur Resistance herstellen? Aber wozu? Was kann der Widerstand ausrichten? Die Wehrmacht aus dem Land werfen? Er sieht in dieser Situation keine andere Möglichkeit, als zu gehorchen. Und es ist ihm bewußt, wenn er dieses Spiel nicht mitspielt, dann ist er drauf und dran, sein ganzes Lebenswerk zu opfern. Die braunen Machthaber fackeln nicht lange, die Konsequenz wäre eine Demontage seines Unternehmens, seine Arbeiter würden an der Front landen, oder in den Konzentrationslagern. Er hat keine Chance, er muß gehorchen. Und tut das auch. Alle Aufträge des Feindes werden fristgerecht und zur Zufriedenheit erledigt, doch Louis RENAULT tut dies aus einem ganz bestimmten Grund. Sind die Besatzer zufrieden, dann kann er in aller Ruhe seinen Projekten nachgehen.

Die Produktion und die Entwicklung ziviler Fahrzeuge ist streng untersagt, es drohen harte Strafen bei Zuwiderhandlung. Aber Louis RENAULT ist förmlich besessen von der Angst, auch nach diesem Krieg wieder zu spät am Markt zu starten. So beginnt er Ende Februar 1941 mit einem gewagten und äußerst gefährlichen Projekt. Er will, er muß, einen Wagen für die Zeit nach dem Krieg entwicklen. Und seine fähigsten Mitarbeiter werden dieses Modell auf die Räder stellen. Da ist zum Einen sein Entwicklungschef Fernand Picard, Jean-Auguste Riolfo, der Leiter der Versuchsabteilung, Robert Barthaud, zuständig für die Karosseriegestaltung, Henri Guettier, Chef der mechanischen Entwicklungsabteilung und Edmond Serre, Chef des Entwicklungsbüros. Die Vorgaben von Louis RENAULT sind klar vorbestimmt. Das Vorbild für das neue Modell ist der KDF-Wagen, der deutsche Volkswagen. Aber das neue Modell wird stark verbessert werden. Der Motor soll durch Wasser gekühlt werden, vier Türen soll er haben und deutlich mehr Platz bieten. Aber paralell dazu will Louis RENAULT auch einen 11CV entwickeln, er will auch für die betuchte Oberschicht sofort ein Modell in petto haben. Und auch der Juvaquatre soll ein für die Zeit nach dem Krieg mit einem neuen Fahrwerk ausgestattet werden. Hochfliegende Pläne, wenn man bedenkt, daß solche Aktivitäten drakonische Strafen nach sich ziehen können. Aber die Männer um RENAULT gehen mit Hochdruck an die Arbeiten. Und es gelingt ihnen, schon im Februar 1942 einen Prototypen des 760cm³-Motors auf dem Prüfstand laufen zu lassen. Auch am 11CV-Modell macht man Fortschritte. Doch bald schon sind diese geheimen Projekte in höchster Gefahr...

3. März 1942. In den frühen Morgenstunden fliegen zahllose Bomber der Royal Air Force im Tiefflug über Paris, sie laden ihre tödliche Fracht ab, das Hauptangriffsziel: Die RENAULT Werke! Eine Warnung gab es nicht, niemand konnte ahnen, was sich an diesem Morgen abspielen sollte. Die Flugzeuge der Verbündeten haben die Werke zu vierzig Prozent zerstört, aber auch unter der Zivilbevölkerung gab es zahlreiche Opfer. Von über 200 Toten und rund 500 Verletzten ist die Rede. Doch Louis RENAULT muß handeln, und zwar schnell. Schon am Tag nach dem Angriff gibt es Überlegungen, auch bei der Regierung in Vichy, das Werk zu dezentralisieren. Wenn Louis dem zuvor kommen will, dann müssen die Anlagen schnellstens wieder aufgebaut und instand gesetzt werden. Und genau das wird RENAULT tun! In einer unglaublichen Zeit gelingt es, schon Anfang Mai können die Arbeiten wieder fast störungsfrei aufgenommen werden. In einem Lagebericht des obersten Militärbefehlshabers in Frankreich heißt es dazu am 31. Mai 1942:
"Die beim Luftangriff vom März 1942 schwer beschädigten RENAULT Werke haben schon seit Wochen ihren Betrieb in erheblichem Umfange wieder aufnehmen können!"

 

 

Dezember 1942. Fernand Picard kann seinem Chef einen entscheidenden Fortschritt vermelden. Der erste Prototyp des neuen 4CV-Modells ist fertig gestellt. Dieser erinnert zwar noch sehr stark an den Volkswagen, aber das Entscheidende ist die Technik, die sich unter dem rundlichen Blechkleid verbirgt. Der Wassergekühlte Vierzylinder im Heck ist 760cm³ groß, das Getriebe verfügt, im Gegensatz zur späteren Serie, über vier Vorwärtsgänge, noch hat der Wagen nur zwei Türen, aber die Arbeiten für einen zweiten Prototypen laufen bereits. Dieser wird von seinem Design dem ersten Entwurf nicht mehr stark ähneln. Viele zu dieser Zeit moderne Stilelemente finden Einzug, der Einfluss der amerikanischen Mode ist nicht zu leugnen. Auch am großen 11CV-Modell laufen die Arbeiten, so gut es eben geht. Die Entwickler leben in ständiger Angst, man könnte Ihr Tun entdecken.

Am 4. April 1943 kommt es zu einem erneuten, schweren Luftangriff auf Billancourt, wieder werden die mühsam aufgebauten Anlagen stark zerstört. Wieder gibt es viele Opfer, auch unter der Zivilbevölkerung. Doch wie von Beginn an, ein Zaudern und Zögern gibt es für Louis RENAULT nicht, auch in dieser Situation wird er weiter machen. Wie schon im Jahr zuvor wird notdürftig aufgebaut und instand gesetzt. Und im August des gleichen Jahres bringen es die Entwickler fertig, einen Prototyp des 11CV-Wagens auf die Räder zu stellen. Doch die Freude über die Erfolge der Entwicklungsabteilung sind nicht von langer Dauer. Am 15. September 1943 werden die RENAULT Werke erneut Opfer alliierter Bombenangriffe! Und die Schäden der drei Fliegerangriffe sind immens. Im September 1943 sind fast zwei Drittel der Anlagen nicht mehr zu benutzen, über 4.000 Maschinen wurden zerstört, der Rest hat ein Durchschnittsalter von zwanzig Jahren, von den ehemals 38.000 Lohnempfängern bei RENAULT sind noch knapp die Hälfte beschäftigt. Keine besonders rosigen Aussichten. Aber der Wille des Patrons ist nicht zu zerstören, Louis RENAULT ist ein Wunder an Disziplin! Wieder wird mühsam der Betrieb am Laufen gehalten, und im November 1943 steht ein weiterer 4CV-Prototyp in Billancourt. Es grenzt schon an ein Wunder, unter diesen Voraussetzungen eine solche Arbeit zu verrichten. Der neue Prototyp hat schon wesentlich mehr Ähnlichkeit mit dem späteren Serienmodell, lediglich die zwei hinteren Türen fehlen dem künftigen Millionseller noch. RENAULT wird, so viel steht fest, nach dem Krieg mit neuen Modellen und in gestärkter Position wieder an den Markt kommen. Der 4CV wird den Neuanfang symbolisieren.

Das Jahr 1944 beginnt mit großen Veränderungen. Der Wüstenfuchs Erwin Rommel übernimmt das Kommando in Frankreich, dagegen organisiert Charles de Gaulles den Widerstand, vereint die Resistance zu einer Gemeinschaft. Sein Ziel ist klar umrissen, er wird alles daran setzen, nach der Befreiung Frankreichs eine provisorische Regierung zu bilden, die verhassten Vichy-Verbrecher sollen wegen ihrer Deutschfreundlichen Politik zur Rechenschaft gezogen werden. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Am 6. Juni 1944 landen alliierte Truppen in der Normandie, das Ende der braunen Verbrecher ist besiegelt. Anfang Juli eröffnen die Wehrmachtsbeauftragen Schippert und von Urach dem Firmenchef, daß das Werk stillgelegt wird. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Am 23. August werden die Deutschen aus Paris verjagt, Frankreichs Hauptstadt ist wieder frei! Am 25. August marschiert Charles de Gaulles in der Seinemetropole ein. Man kann annehmen, daß Louis RENAULT mit gemischten Gefühlen in die Zukunft blickt. Die Freude über die Befreiung Frankreichs ist groß, aber was wird die Zukunft bringen? Paris ist kaum befreit, da beginnt sie schon, die Hexenjagd. Nun wird abgerechnet mit den Staatsfeinden, mit den Kollaborateuren! Nahezu fanatisch werden in diesen Tagen Kollaborateure, auch nur auf Verdacht, denunziert und verhaftet, manche werden sogar auf offener Straße tot geschlagen. Frauen, denen man Kontakte zu deutschen Besatzern nachsagt, bewiesen oder nicht, rasiert man den Schädel und treibt sie nackt durch die Straßen der Orte, auf den Markt- und Stadtplätzen stellt man sie an den Pranger! Aber auch die Unternehmer und die Prominenz wird nicht verschont. Auch Louis RENAULT rückt in den Fokus der neuen Herren. So titelt eine bekannte Zeitung: "Louis RENAULT noch immer auf freiem Fuß. Wie lange noch?" Louis RENAULT ist sich der gefährlichen Situation bewußt, zunächst hält er sich im Departement Sarthe versteckt, in der Nähe von Le Mans. Doch dann holt er sich Rat bei seinem Freund Ribet, dem Präsidenten der Anwaltskammer. Dieser rät ihm, sich zu stellen. Am 23. September 1944 stellt sich Louis RENAULT den Behörden. Und wird noch am gleichen Tag in Frèsnes, nördlich von Paris, inhaftiert. Und die Presse ist zufrieden. Combat schreibt: "Mit der Verhaftung von Louis RENAULT ist der Prozess gegen die französische Großindustrie eröffnet!"

Einige Tage vor der Inhaftierung des Firmengründers erscheint ein Beauftragter der neuen Regierung in Billancourt, er ordnet die Wiederaufnahme der Arbeiten an. Ebenso verkündet er die Nachricht, daß das Unternehmen verstaatlicht werden soll. Die verantwortlichen Direktoren müssen sich nun einer völlig neuen Situation stellen. Und die Regierung wird einen neuen Chef für das Unternehmen bestimmen. An eine Aufnahme der Arbeiten ist in Billancourt allerdings nicht zu denken, es gibt kaum Strom, keine Kohlen, keine anderen Rohstoffe! Und bis zum Eintreffen des Neuen will auch keiner der Führungskräfte die Verantwortung übernehmen. Am Ende bleibt es an Grillot hängen, dem bislang zuständigen Direktor für die Fertigung. Und er nimmt seine Arbeit auf, mehr schlecht als recht.  Bis zu dem Tag, an dem der "Neue" erscheint. Ein hochgewachsener Mann ist er, 187cm groß. Er, der Kommandant Gildas des Widerstandes, ist von der Haft in deutschen Gefängnissen gezeichnet. Pierre Lefaucheux spricht zum Stab von Louis RENAULT. "Meine Herren, Sie werden ab heute nicht mehr einem einzelnen Manne dienen, sondern einer ganzen Nation. Doch erwarten Sie nicht von mir, daß ich nun über den kranken und am Boden liegenden Mann schlecht reden werde, Louis RENAULT war ein großer Franzose. Ich gehe sogar soweit, Ihnen zu sagen, daß ich Sie verachten würde, würden Sie dem Mann nun untreu werden. Aber Sie werden verstehen, daß wir diesem Unternehmen eine neue Verfassung geben müssen. Nach dem Willen unseres Präsidenten Charles des Gaulles werde ich in diesem Betrieb eine brüderliche Autorität einführen!"

 

 

 

 

 

Das Ende...

Jedem der Anwesenden dürfte in diesem Moment bewußt sein, daß Louis RENAULT nie mehr nach Billancourt zurück kehren wird. Und selbst wenn man ihn gelassen hätte, er hätte es nicht mehr gekonnt. Louis RENAULT ist ein schwer kranker Mann, schon seit Monaten baut er ab, fühlt sich nicht wohl und wirkt abgespannt. Am 9. Oktober 1944 wird er vom Gefängnisarzt in Frèsnes in ein psychiatrisches Krankenhaus verlegt. Dort diagnostizieren die Ärzte Urämie, eine Harnvergiftung. Ein psychiatrisches Klinikum ist für eine Therapie ein eher weniger geeigneter Ort, daher wird Louis RENAULT erneut verlegt, und zwar in das Krankenhaus Saint-Jean-de-dieu.

 

Dort fällt Louis RENAULT am Abend des 22. Oktober in einen tiefen, komatösen Schlaf.

 

 

Am 24. Oktober 1944, gegen acht Uhr morgens, stirbt Louis RENAULT!

 

 

 

 

 

Aber das ist nicht das Ende von RENAULT, jetzt beginnt der nicht weniger spannende Teil des Staatsunternehmens RNUR, der "Régie Nationale des Usines RENAULT" und der Nachfolger von Louis RENAULT in der Chefetage des Automobilproduzenten. Und ohne der Geschichte vorgreifen zu wollen kann man sagen: Es waren immer die richtigen Männer zur richtigen Zeit am richtigen Platz! Aber lesen Sie selbst... 

 

 

 

Ergänzende Erläuterungen:

Lange Zeit galt Louis RENAULT in der Tat als Kollaborateur. Die Familie RENAULT wurde nach seinem Tode enteignet, ohne dafür eine Entschädigung zu erhalten. Es kann angenommen werden, daß Louis RENAULT während seiner Haft in Frèsnes mißhandelt wurde, einige Quellen berichten, daß Wärter des Gefängnisses noch "alte Rechnungen" aus früheren Zeiten offen gehabt hätten. Zu einer Verhandlung kam es nicht mehr, RENAULT verstarb vorher. Ob nun an Urämie oder den Folgen von Folter, es ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Zwar setzte Christiane RENAULT Jahre später eine Exhumierung des Leichnams ihres Mannes durch, aber eine weitere Obduktion erbrachte keine weiteren Erkenntnisse. Erst Jahrzehnte später ermöglichte es ein Gesetz, daß der Sohn von Louis RENAULT Ende der 1970er-Jahre entschädigt wurde. Allerdings nur für den Teil des privaten Vermögens, der Wert des Unternehmens wurde nicht berücksichtigt. Jean-Louis RENAULT starb 1982 im Alter von 62 Jahren. 

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